Japanische Stemmeisen – eine kurze Einführung

Wer europäische Stemmeisen gewohnt ist, betrachtet japanische Stemmeisen erst einmal mit Verwunderung. Sofort fallen die schmiedeeiserne Optik und die kurze Bauform ins Auge. Erst wenn man sie anwendet, erkennt man die Stärken dieser Werkzeuge: Man erzielt eine höhere Schneidenschärfe als bei europäischen Stemmeisen aufgrund der feineren Stahlstruktur. Das macht japanische Stemmeisen für die Bearbeitung von Massivholz besonders geeignet.

Einsatzgebiete für japanische Stemmeisen

Die Schneiden japanischer Stemmeisen sind sehr scharf und durchtrennen Holzfasern sehr sauber. Das ist ideal für klassische Holzverbindungen wie „Schwalbenschwänze“ oder „Schlitz und Zapfen“. Denn hier  kommt es auf präzises Arbeiten an.

Gleichzeitig sind die Schneiden japanischer Stemmeisen aber auch spröde. Somit eignen sie sich weniger für grobe Stemmarbeiten in Spanplatten, dem Entfernen festgetrockneter Leimwülste oder in der Bauschreinerei. Hier sind eher europäische Stemmeisen zu empfehlen. Ihr Stahl ist weniger ausbruchgefährdet.

Will man feine Holzverbindungen präzise ausarbeiten, …
… sind japanische Stemmeisen die beste Wahl.

Der erste Stemmeisensatz

Sucht man im Internet nach japanischen Stemmeisen, fallen sofort die großen Preisunterschiede auf. So findet man einen Satz bestehend aus sechs Stemmeisen schon ab etwas über hundert Euro. Man kann aber auch für ein einziges Stemmeisen deutlich über zweihundert Euro ausgeben. Der Rücken eines solch teuren Stemmeisens zeigt oft die Struktur von gefaltetem Stahl, welcher in Japan Suminagashi genannt wird. In Europa ist dieser Stahl auch als Damaszenerstahl bekannt.

Meiner Meinung nach sollte man nicht gleich in dieser gehobenen Preislage einsteigen. Es genügt ein einfaches aber solides Stemmeisen. Entscheidend für die Gebrauchstauglichkeit ist die Qualität des Stahls. Diese lässt sich von außen nicht erkennen. Stahl ist Vertrauenssache. Die Qualität hängt vom Schmiedevorgang ab. In vielen aufeinander abgestimmten Arbeitsgängen entsteht eine hochwertige Klinge. Für diese Arbeitsgänge braucht es viel Fachwissen und Sorgfalt. Beides ist bei traditionellen japanischen Herstellern vorhanden. Besonders Händler, welche lange im Geschäft sind, verfügen über große Erfahrung mit den Produkten ihrer Lieferanten. Bei diesen Händlern sind die Chancen am besten, etwas Gutes zu bekommen.

Ich empfehle einen Einsteigersatz, welcher aus sechs Stemmeisen besteht. Folgende Schneidenbreiten sind sinnvoll: 3er, 6er, 9er, 12er, 18er, 24er

Ein guter Einsteigersatz sind Oire Nomi

Oire Nomi sind Stemmeisen, welche vielseitig einsetzbar sind. Besonders gut geeignet sind sie für Holzverbindungen und feine Nacharbeiten bei Massivholz. Die Eisen werden in Japan gefertigt und nach Europa importiert. Ein 6-teiliger Einsteigersatz kostet im Handel zwischen 150,-€ und 200,-€.

Zu Beginn sollte man sich erst einmal darauf fokussieren, sich mit den japanischen Stemmeisen vertraut zu machen. Einfache Eisen von guter Qualität halte ich am Anfang für sinnvoll. So gewinnt man an Sicherheit und sammelt Erfahrung. Hat man eine solide Grundlage gelegt, kann man immer noch entscheiden, ob man sich ein Spitzenprodukt japanischer Schmiedekunst mit einer Klinge aus gefaltetem Stahl gönnen möchte. Achten sie bei der Auswahl eines Stemmeisensatzes darauf, dass auch ein 3er Eisen dabei ist. Dieses ist wichtig, um auch kleine Schwalbenschwänze oder schmale Schlitze auszustemmen.

Achten Sie darauf, ein schmales Stemmeisen mit 3 mm Schneidenbreite dabei zu haben.
Japanisches Stemmeisen mit einem Grundkörper aus gefaltetem Stahl.

Zweilagenstahl

Die Klinge des japanischen Stemmeisens besteht aus einem Grundkörper aus weichem Eisen und einer harten Stahlschicht, welche die Schneide ausbildet. Die dickere Schicht aus Eisen ist weicher und elastischer. Sie dämpft die Schläge und sorgt für Stabilität. Der härtere Schneidenstahl bildet die dünnere Schicht.

Die Schneide eines japanischen Stemmeisens besteht aus Kohlenstoffstahl, welcher härter ist als der Stahl europäischer Stemmeisen. So bleiben japanische Stemmeisen länger scharf, bis sie wieder geschärft werden müssen. Den Zeitraum von einem Schärfvorgang zum nächsten bezeichnet man als Standzeit. Japanische Stemmeisen haben eine längere Standzeit als europäische Eisen. Der Schwachpunkt des harten Stahls ist, dass er spröde ist. Ohne die weiche Trägerschicht aus Eisen würde die harte Schicht brechen.

Der weiche Trägerstahl und der harte Schneidenstahl sind zusammengeschmiedet. Auf der Fase ist die Trennlinie zwischen hartem Schneidenstahl und weichem Trägerstahl deutlich sichtbar. Die Fase ist die Fläche, welche zur Schneide hin abgewinkelt ist.
Auf der Fasenseite sieht man den Rücken des Stemmeisens. Sichtbar ist der weiche Trägerstahl.
Auf der Spiegelseite sieht man den harten Schneidenstahl. Die Fläche ist auf dem Wasserstein poliert.
In der polierten Fläche spiegelt sich die Holzstruktur.

Aufbau eines japanischen Stemmeisens

Die Aufgabe des Stemmeisens liegt darin, die Schlagenergie des Hammers zur Schneide zu leiten. Es ist dabei großen Kräften ausgesetzt. Um diese Belastung dauerhaft auszuhalten, sind japanische Stemmeisen sehr stabil konstruiert: Dies beginnt mit einem massiven Metallring am Griffende, welcher die Holzfasern des Griffs zusammenhält und so ein Aufspalten verhindert. Zur Klinge hin hält eine konische Metallzwinge die Holzfasern zusammen. Metallzwinge und Hals sind massiv ausgeführt. Sowohl Zwinge als auch Hals sind stabiler als bei europäischen Stemmeisen. Die Klinge ist kurz und dick. Ein Hohlschliff auf der Spiegelseite erleichtert das Schärfen und verringert die Reibung beim Stemmen.

In Japan werden die Stemmeisengriffe wie in Europa aus Harthölzern gefertigt. Während in Europa bevorzugt Buche zum Einsatz kommt, verwendet man in Japan auch Eiche.

Richtige Arbeitsweise

Stemmarbeiten sollten Sie auf einer festen Unterlage ausführen. Denn federt die Unterlage nach, geht einige Schlagenergie verloren. Als Unterlage möglich sind ein Hobelbrett, niedrige japanische Arbeitsböcke oder eine europäische Hobelbank.

In Japan schlägt man das Stemmeisen traditionell mit dem Stahlhammer, dem Genno. Dieser hat eine gerade und eine ballige Schlagfläche. Man schlägt das Stemmeisen mit der geraden Fläche. Das Gewicht des japanischen Hammers ist mit ca. 400 g relativ niedrig. Seine Durchzugskraft erhält er durch seinen langen Stil. Nach einer Faustregel sollte der Stil so lang sein wie der Unterarm des Benutzers. Ist man jedoch auf den in Europa üblichen Holzhammer (Klüpfel) eingearbeitet, kann man diesen auch weiterhin verwenden. Er hat jedoch den Nachteil, dass er sich nicht so gut steuern lässt wie ein Stahlhammer, denn der Stahlhammer ist leichter.

Die kurze Bauform der japanischen Stemmeisen sorgt ebenfalls für eine bessere Steuerbarkeit. So ist man mit der Hand näher an der Stelle, an der man arbeitet. Die Arbeitstiefe leidet nicht unter der geringen Länge der Klinge. Diese ist abgewinkelt, was die Arbeitstiefe auf fast das Doppelte der Klingenläge vergrößert.

Das japanische Stemmeisen ist abgewinkelt. Somit stört der Hals nicht, wenn man in der Fläche arbeitet und beispielsweise einen überstehenden Dübel plan schneidet.
Traditionell schlägt man das japanische Stemmeisen mit einem Hammer.
Der japanische Hammer wird in Japan Genno genannt.

Stemmeisen gebrauchsfertig machen

Japanische Stemmeisen werden vom Handel oft nicht gebrauchsfertig geliefert. Bevor man das japanische Stemmeisen einsetzen kann, muss man erst den Metallring am Griffende auftreiben und die Spiegelseite plan schleifen. Hierzu sind einige Kenntnisse notwendig. In einem weiteren Artikel werde ich hierzu eine Anleitung bringen.

Erste Schritte in Holzbearbeitungskursen

In Nürnberg biete ich bereits seit über zehn Jahren Kurse über japanische Holzbearbeitung an. In meinen Kursen erfahren Sie, wie man japanische Stemmeisen gebrauchsfertig macht und fachgerecht schärft. Das regelmäßige Schärfen und Abziehen sollte man fest in den Arbeitsprozess integrieren. Nur mit scharfen Stemmeisen lassen sich gute Ergebnisse erzielen.

Geduld ist nötig

Die Bearbeitung von Massivholz mit Handwerkzeug erfordert viel Übung. Rechnen Sie nicht mit schnellen Ergebnissen. Die Belohnung ist aber umso größer, wenn man merkt, wie man langsam immer besser wird. Also, steigen Sie ein und bleiben Sie dran!

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